Der allwissende Leser DE
Die U-Bahn riecht nach verbrauchter Luft und billigem Kaffee, als der Feierabendverkehr plötzlich erstarrt. Kim Dokja, Büroangestellter mit schmalem Konto und zehn Jahren Leseobsession, spürt das Vibrieren seines Smartphones noch in den Fingern — die letzte Benachrichtigung des Autors, das Ende der epischen Webnovel „Drei Wege, um in einer zerstörten Welt zu überleben“ . 3.149 Kapitel hat er verschlungen, als Einziger, Kapitel für Kapitel, Jahr für Jahr, während ihn der Rest der Welt längst abgeschrieben hatte. Dann fällt der Strom aus. Eine körperlose Stimme verkündet den Beginn der „Szenarien“, und ein Dokkaebi namens Bihyung grinst aus dem Nichts: Töte ein Lebewesen oder stirb.
Dokja ist kein Held. Er hat keine Muskeln, keine verborgene Kraft, kein schimmerndes Schwert — nur das verdammte Textdokument, das ihm der Autor geschickt hat, und darin jeden kommenden Satz dieser Apokalypse . Während Waggons in Flammen aufgehen und Menschen zu Bestien werden, liest er quer, hetzt durch Zeilen, schlägt das Schicksal mit nichts als Vorwissen. Am Ufer des Dongho-Flusses aber wartet Yoo Junghyeok — der Protagonist der Geschichte, ein Regressor mit Augen kälter als Stahl, der keine Unbekannten neben sich duldet . Dokja muss lügen, verhandeln, sich als „Prophet“ ausgeben, nur um den nächsten Atemzug zu überleben. Der allwissende Leser ist ins Buch gestiegen. Doch je weiter er die Handlung umschreibt, desto lauter dröhnt eine Frage: Wer zum Teufel entscheidet eigentlich, wie die Welt endet — der Autor, der Protagonist oder der Leser, der plötzlich mittendrin steckt?
Auch bekannt als: Omniscient Reader's Viewpoint, Jeonjijeok Dokja Sijeom, 전지적 독자 시점, Lecteur Omniscient.